Ökologie & Nachhaltigkeit

Kreislaufwirtschaft braucht die gesamte Wertschöpfungskette

Kreislaufwirtschaft braucht die gesamte Wertschöpfungskette
Dr. Ariane Voglhuber-Slavinsky vom Fraunhofer ISI arbeitet in der Zukunftsforschung mit Akteuren aus Wissenschaft und Praxis. (Quelle: sicherverpackt.de)

Einzelne Materialverbote reichen aus Sicht von Dr. Ariane Voglhuber-Slavinsky nicht aus, um die Kreislaufwirtschaft voranzubringen. Im Interview mit sicherverpackt.de erläutert die Zukunftsforscherin vom Fraunhofer ISI, weshalb Hersteller, Handel, Logistik, Haushalte und Abfallwirtschaft gemeinsam betrachtet werden müssen. Ihre Beispiele zeigen, wie Praxiswissen, Regulierung und eine differenzierte Bewertung von Verpackungen zusammenhängen.

Die öffentliche Diskussion über Kreislaufwirtschaft konzentriert sich häufig auf einzelne Maßnahmen. Voglhuber-Slavinsky nennt das Verbot von Plastikstrohhalmen als Beispiel: Solche Debatten erweckten den Eindruck, ein einzelner Eingriff könne bereits eine weitreichende Veränderung bewirken. Entscheidend sei jedoch das Zusammenspiel entlang der Wertschöpfungskette. Bei Kunststoffen müsse zudem die enge Verflechtung mit dem Energiesektor berücksichtigt werden.

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Die Forscherin arbeitet in Agrar-, Lebensmittel- und Bioökonomie-Projekten, die sich mit Kreislaufwirtschaft und Kunststoffen überschneiden. Ihr Ansatz bezieht die Perspektiven aller Beteiligten ein. „Transformation kann nur dann gelingen, wenn alle Beteiligten identifiziert und einbezogen werden“, sagt sie. Dazu gehörten neben Herstellern und Handel auch Haushalte und Logistik mit ihren jeweiligen Anforderungen und ihrem Fachwissen.

In den Foresight-Prozessen, also der systematischen Auseinandersetzung mit möglichen zukünftigen Entwicklungen, bindet ihr Team gezielt Menschen aus der Praxis ein. Das setze Rücksicht auf deren Arbeitsalltag voraus: Ein Landwirt könne sich nicht ohne Weiteres einen halben Tag für eine Diskussion über Transformation freinehmen. Auch der Lebensmittelhandel lasse sich erfahrungsgemäß schwer einbinden. Gerade deshalb müssten Akteure zusammenkommen, die sonst wenig miteinander sprechen.

Regulierung mit Handlungsspielraum

Wie wichtig diese Zusammenarbeit ist, zeigt sich für Voglhuber-Slavinsky bei regulatorischen Eingriffen. Deren Folgen könnten sich auf sämtliche Beteiligte auswirken – auch auf solche, die zunächst nicht unmittelbar betroffen erscheinen. Ihr Grundsatz lautet: „So wenig Regulation wie möglich und so viel wie nötig.“ Wo neue Vorgaben entstehen, sollten diejenigen frühzeitig mitwirken, deren Handlungsmöglichkeiten sich dadurch verändern.

Die Grafik ordnet Kunststoffe nach Rohstoffquelle und biologischer Abbaubarkeit ein. Biobasiert und biologisch abbaubar sind unterschiedliche Eigenschaften (Quelle: Infoblatt Biokunststoffe, Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen)

Als Beispiel nennt sie die im Auftrag der Funk-Stiftung erarbeitete Studie „Auf Messers Schneide“. Für die Lebensmittelindustrie wurden darin Szenarien für das Jahr 2040 entwickelt, mit einem Schwerpunkt auf unterschiedlichen Risikoclustern. Eines dieser Szenarien ging von sehr starker Regulierung aus. Dabei zeigte sich nach ihrer Darstellung, dass zu eng gefasste Vorgaben negative Wirkungen haben und den Unternehmen kaum Handlungsspielraum lassen könnten.

Die frühe Beteiligung der Betroffenen sei zwar zunächst aufwendiger. Sie helfe aber, neue Vorgaben so auszugestalten, dass Marktteilnehmer handlungsfähig blieben.

Biobasiert ist kein pauschales Qualitätsmerkmal

Auch bei der Materialbewertung plädiert Voglhuber-Slavinsky dafür, verbreitete Annahmen zu überprüfen. Im Projekt BioKompass wurden unter anderem biobasierte Kunststoffe in Zukunftsszenarien betrachtet. „Biobasiert allein ist noch kein Qualitätsmerkmal“, betont sie. Wenn ein Material auf nachwachsenden Rohstoffen beruhe, am Ende aber weder recycelbar noch biologisch abbaubar sei, müsse sein tatsächlicher Nutzen hinterfragt werden.

Einen sinnvollen Ansatz sieht sie dort, wo aus einer biobasierten Grundstruktur ein tatsächlich wiederverwertbarer Kunststoff entstehe. Dieser Zusammenhang sei jedoch nicht automatisch gegeben. Das Beispiel verdeutliche, dass verbreitete Vorstellungen und tatsächliche Materialeigenschaften auseinanderfallen können.

Verpackungen nach ihrem konkreten Nutzen bewerten

Für Kunststoffverpackungen fordert Voglhuber-Slavinsky eine differenzierte Betrachtung der jeweiligen Anwendung. Gerade im Lebensmittelbereich werde leicht übersehen, dass Verpackungen zur Haltbarkeit, zum sicheren Transport und zur Erleichterung des Alltags beitragen. Daraus folge allerdings nicht, dass jede Kunststoffverpackung sinnvoll sei.

Im Projekt „Food Processing in a Box“ ging es unter anderem um die Frage, wie einzelne Bestandteile eines Smoothies praktisch in Kunststoff verpackt werden können. Der Verpackungsaspekt wurde nach ihrer Darstellung intensiv diskutiert, um Nutzen und Zielkonflikte genauer zu bewerten. Maßgeblich seien der konkrete Beitrag zu Produktschutz und Haltbarkeit sowie die Anforderungen der Logistik entlang der Wertschöpfungskette.

„Es gibt aber Anwendungen, bei denen sie hilft, Lebensmittel zu schützen, zu retten und länger haltbar zu machen“, sagt Voglhuber-Slavinsky über Kunststoffverpackungen. Für Verbraucher im Supermarkt sei nicht immer erkennbar, welche Verpackung tatsächlich die Haltbarkeit verlängere und welche eher der bequemeren Nutzung diene. Diese Unterschiede müssten klarer herausgearbeitet werden.

Denkmuster hinterfragen und Erfahrungen austauschen

Die Zukunftsforschung hat aus Sicht von Voglhuber-Slavinsky auch die Aufgabe, gewohnte Denkmuster aufzubrechen. Wer mit Szenarien arbeite, müsse sich mit Wahrnehmungsfiltern auseinandersetzen, die den Blick auf mögliche Entwicklungen beeinflussen. Ihr Team nutze deshalb sogenannte Debiasing-Übungen, um solche Verzerrungen bewusst zu machen.

Eine dieser Übungen richtet den Blick zurück: Was hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert? Die Auseinandersetzung damit zeige, wie weitreichend Veränderungen innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit sein können. Sie könne helfen, bestehende Vorstellungen über die Zukunft und die daraus abgeleiteten heutigen Entscheidungen zu hinterfragen.

Auch die Kommunikation über Kunststoffverpackungen sieht die Forscherin als gemeinsame Aufgabe entlang der Wertschöpfungskette. Dazu zählten ausdrücklich der Lebensmitteleinzelhandel, der die Produkte weitergebe, und die Abfallwirtschaft, die sie am Ende in Empfang nehme. Zusätzlich sei mehr Austausch über Ländergrenzen hinweg erforderlich: Welche Ansätze funktionieren andernorts, und unter welchen Bedingungen lassen sie sich übertragen? Selbst innerhalb Europas mit seinen bereits engen Verflechtungen sieht Voglhuber-Slavinsky hier Nachholbedarf.