Schur Star Systems standardisiert die Plattenmontage
Automatisierung beginnt beim Ablauf
von Ansgar Wessendorf,
Martijn Otten (AV Flexologic) mit Pascal Englert und Klaus Madsen (Schur Star Systems) am SAMM 3.0 1700 in Flensburg.
(Quelle: AV Flexologic)
Mit der automatischen Montage von Flexodruckplatten hat Schur Star Systems in Flensburg auch die Arbeitsorganisation verändert. Verbindliche Abläufe, ein neu eingerichteter Montageplatz und die Schulung der Drucksaalbelegschaft schaffen mehr Spielraum beim Personaleinsatz. Die Montageabteilung deckt den Bedarf der Druckproduktion nach Unternehmensangaben heute in zwei statt drei Schichten. Die Erfahrungen aus Flensburg bestimmen nun die Ausstattung einer weiteren Anlage für Australien. Am deutschen Standort ist bereits der nächste Schritt vorgesehen: die Einbindung eines Roboters.
Die vorhandenen Montagegeräte hatten über Jahrzehnte ihren Dienst getan. Doch Ersatzteile waren zunehmend schwer zu beschaffen, und technische Probleme beanspruchten die Instandhaltung. Für Schur Star Systems in Flensburg war eine Erneuerung deshalb unumgänglich. Die Frage lautete: Sollte der Betrieb erneut manuelle Technik anschaffen oder die Investition nutzen, um die Plattenmontage stärker zu automatisieren?
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„Wir mussten entscheiden, wie es weitergeht – und haben uns für eine stärker automatisierte Lösung entschieden, statt manuelle Technik durch manuelle Technik zu ersetzen“, sagt Pascal Englert, der das Flensburger Projekt leitete. „Das kostet mehr, aber unsere grundsätzliche Strategie ist, überall dort zu automatisieren, wo wir können.“
Automatische Plattenmontageanlage SAMM 3.0. In Flensburg ist das Modell 1700 im Einsatz; das abgebildete Modell 1300 entspricht der für Australien bestellten Konfiguration. (Quelle: AV Flexologic)
Die ersten Gespräche fanden auf der drupa 2024 statt. Zunächst erhielt das kalifornische Werk eine automatische Plattenmontageanlage SAMM 3.0 von AV Flexologic, anschließend folgte Flensburg. CEO Klaus Madsen verknüpft die Investition mit zwei Zielen: Der Ausstoß sollte steigen, die Druckvorbereitung klarer organisiert werden. Die Plattenmontage hatte aus seiner Sicht noch nicht den Entwicklungsstand der übrigen Abläufe im Drucksaal erreicht.
Dabei ist der Druck bei Schur in eine mehrstufige Verpackungsproduktion eingebunden. Das Schur-Star-Konzept verbindet vorgefertigte flexible Beutel mit einer darauf abgestimmten Verpackungsmaschine. Die Beutelherstellung umfasst die Entwicklung, die Druckvorstufe und den Druck ebenso wie die anschließende Kaschierung und Konfektionierung.
Einheitliche Abläufe in jeder Schicht
In Flensburg setzt Schur einen SAMM 3.0 1700 mit Bilderkennung ein. Den wesentlichen Fortschritt sieht Englert in der verbindlichen Arbeitsfolge: Die Maschine gibt vor, welcher Schritt als Nächstes auszuführen ist. Damit verliert die individuelle Arbeitsweise des Bedieners an Einfluss. Die Montage folgt bei jedem Sleeve demselben Ablauf.
„Die Maschine fordert vom Bediener den nächsten Schritt ein. Dadurch lässt sich der Prozess standardisieren – und sobald er standardisiert ist, kann man ihn verbessern“, erklärt Englert.
Tape Holder 2.0: Das Klebebandregal hält die Rollen sortiert und für den Bediener griffbereit. (Quelle: AV Flexologic)
Um die Anlage personell flexibel einsetzen zu können, schulte Schur die gesamte Drucksaalbelegschaft einschließlich der Druckmaschinenbediener am SAMM 3.0. Die Montage ist dadurch nicht mehr wenigen Spezialisten vorbehalten. Bei Bedarf können auch Mitarbeiter aus dem Druck diese Aufgabe übernehmen.
Das eröffnet Spielraum in der Schichtplanung. Mit den bisherigen Anlagen arbeitete die Montageabteilung mit drei Bedienern im Dreischichtbetrieb. Heute bewältigt sie den Bedarf der Druckproduktion nach Angaben von Schur in zwei Schichten. Bei Bedarf unterstützt ein Druckmaschinenbediener. „Wir haben weniger Probleme, der Prozess läuft in jeder Schicht gleich ab, und wir kommen mit zwei statt drei Schichten aus“, berichtet Englert.
Auch der Montageplatz verändert sich
Die Neuorganisation reicht bis in die Handhabung der Sleeves. In Flensburg werden die bisherigen Flexodruckplatten auf derselben Maschine demontiert, auf der anschließend die neuen montiert werden. Das Montageklebeband kann dabei weiterverwendet werden. Gegenüber einer separaten Demontagestation entfällt ein zusätzlicher Handhabungsschritt.
Auch die Klebebandbereitstellung wurde neu geordnet. Zum gemeinsam mit Schur entwickelten System Tape Holder 2.0 gehört ein Rollenregal direkt an der Maschine. Ein Tech Cart hält ergänzend Klebebandrollen und Sleeves am Arbeitsplatz bereit. Die Rollen sind sortiert und für den Bediener unmittelbar erreichbar.
Die veränderte Anordnung führte zugleich dazu, die Materialbeschaffung zu hinterfragen. „Wenn man das Rollenlagersystem an der Maschine hat, beginnt man darüber nachzudenken, welche Klebebandbreiten man tatsächlich verwendet und ob die bisherige Beschaffung sinnvoll ist“, sagt Englert. „Jetzt sind die Rollen sortiert, sie sind dort, wo sie gebraucht werden, und die Wege für den Bediener sind kürzer.“
Klebebandrollen auf dem Tech Cart neben dem SAMM 3.0 – bereit für den nächsten Auftrag. (Quelle: AV Flexologic)
Aus dem Flensburger Projekt gingen zudem technische Anpassungen hervor, die AV Flexologic in die Serienausstattung übernahm. Dazu zählt die automatische Druckluftankopplung am Montagedorn. Beim vollautomatischen FAMM 3.0 war sie bereits seit mehr als zehn Jahren Standard. Auf Anregung von Schur wurde sie auch in den SAMM 3.0 übernommen. Hinzu kamen die Klebebandhalterung, das Rollenregal und mehrere Verbesserungen an der Sicherheitstechnik.
Besonderes Augenmerk legt Englert auf eine intuitive Bedienung. Sein Vorschlag für die Werksabnahme: Der Hersteller sollte die Maschine nicht nur vorführen, sondern den Kunden selbst daran arbeiten lassen. Dabei wird deutlich, welche Arbeitsschritte ohne vorherige Einweisung verständlich sind und wo die Bedienung vereinfacht werden sollte. AV Flexologic hat diese Anregung nach eigener Darstellung aufgegriffen.
Flensburg setzt den Ausstattungsstandard
Die Erfahrungen aus Flensburg fließen inzwischen in eine weitere Investition ein. Für das australische Werk hat Schur einen SAMM 3.0 1300 bestellt. Die Anlage soll dieselbe Ausstattung erhalten wie das Flensburger System – einschließlich der Verbesserungen, die nach dessen Werksabnahme umgesetzt wurden. Damit überträgt Schur das in der Praxis entwickelte Ausstattungskonzept auf einen weiteren Standort.
Für Madsen ist damit auch die Frage verbunden, wo das Unternehmen die Erfahrung seiner Fachkräfte am dringendsten benötigt. „Gute Leute sind schwer zu finden. Wir würden ihre Erfahrung und Kapazität lieber an anderer Stelle im Unternehmen einsetzen als für einen Arbeitsschritt, den eine Maschine übernehmen kann“, erläutert er.
Englert verweist zudem auf die Anforderungen an die Personalplanung. Krankheit, Urlaub und kürzere Arbeitswochen machen sich besonders dort bemerkbar, wo manuelle Tätigkeiten die ständige Anwesenheit von Mitarbeitern erfordern. Die Automatisierung soll diese Abhängigkeit verringern und die Produktion auch bei wechselnder Personalverfügbarkeit aufrechterhalten.
Für den australischen Standort zieht Madsen außerdem den Laserplattenschneider EXACT in Betracht. Dort kommen häufiger ineinandergreifende Flexodruckplatten zum Einsatz.
Der Roboter übernimmt das Handling
In Flensburg ist die nächste Ausbaustufe bereits bestellt: eine RoboCELL mit dem vollautomatischen Plattenmontierer FAMM 3.0. Der Entscheidung ging ein Besuch bei SDR Pack in Italien voraus, wo eine solche Zelle seit 2022 produziert. Die für Schur vorgesehene Anlage befindet sich nach Unternehmensangaben im Bau. Ein Sechsachsroboter übernimmt darin die Handhabung von Sleeves und Druckplatten und beschickt das Montagesystem.
RoboCELL: Ein Sechsachsroboter führt Sleeves und Druckplatten dem vollautomatischen Montagesystem FAMM 3.0 zu. Eine der ersten nach der neuen Spezifikation gebauten Roboterzellen wird bei Schur Star Systems in Flensburg installiert (Quelle: AV Flexologic)
Die robotergestützte Handhabung stellt zusätzliche Anforderungen an die Technik. Das zeigten bereits frühere Installationen von AV Flexologic bei Verarbeitern in Europa und den USA. Unterschiede in derHandhabung zwischen Sleeves, Druckplatten und Klebebändern, die ein Bediener im Arbeitsalltag häufig kaum wahrnimmt, stellten das Robotersystem vor Herausforderungen.
AV Flexologic unterbrach daraufhin die weitere Einführung und überarbeitete das System zwei Jahre lang anhand der Erfahrungen aus den ersten Installationen. Seit dem ersten Quartal 2026 wird die aktualisierte RoboCELL wieder ausgeliefert. Die Flensburger Anlage gehört zu den ersten Zellen, die nach der neuen Spezifikation gebaut werden.
Für Schur ist damit die Entwicklung nicht abgeschlossen. Über das automatisierte Sleeve-Handling hinaus sieht das Unternehmen Potenzial in einer vorgelagerten Pufferung der Druckplatten. Sie soll ermöglichen, zwei oder drei Aufträge nacheinander abzuarbeiten, ohne dass ein Mitarbeiter das Förderband ständig beaufsichtigen muss.
Englerts weitergehendes Ziel ist die Vernetzung der Abteilungen. Dafür müssten die Maschinen Daten über die einzelnen Prozessschritte hinweg austauschen. Die Anforderungen der Druckmaschine sollten dabei bestimmen, wie die vor- und nachgelagerten Abläufe organisiert werden. „In einem üblichen Drucksaal gibt es noch nicht genug Automatisierung – und die Flexodruckmaschine sollte sie von allen Prozessen in ihrem Umfeld einfordern.“
Im Porträt: Schur Star Systems
Als Teil der dänischen Schur-Gruppe entwickelt Schur Star Systems das Beutelverpackungssystem Schur Star und bedruckt die darauf verarbeiteten flexiblen Folien. Werke in Flensburg, Kalifornien und Australien beliefern weltweit Markenunternehmen aus der Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie. Klaus Madsen ist CEO; Pascal Englert leitete das Projekt zur Druckplattenmontage in Flensburg.
Im Porträt: AV Flexologic
AV Flexologic mit Sitz im niederländischen Alphen aan den Rijn ist Weltmarktführer im Bereich der Flexodruckplattenmontage. Das Unternehmen führte das erste automatische Plattenmontagegerät ein und liefert heute die Baureihen MOM, SAMM, FAMM und RoboCELL, den Plattenschneider EXACT sowie die Bilderkennung AVI an Verarbeitungsbetriebe auf allen Kontinenten. Die Fertigung erfolgt in eigenen Werken in den Niederlanden und Rumänien.
Quellennachweis
Grundlage der Reportage und aller übersetzten Zitate ist der bereitgestellte englische Anwenderbericht „Automate where you can“. Angaben zum Projektstand, zur Schichtorganisation und zu den geplanten Ausbauschritten stammen aus diesem Bericht.
Der Absatz zum Schur-Star-Konzept und zur Prozesskette der Beutelherstellung wurde anhand der folgenden offiziellen Unternehmensseiten ergänzt, abgerufen am 15. September 2026: