Funktionelle Verpackungspapiere sind Chance – aber kein Selbstläufer
von Ansgar Wessendorf,
In Osnabrück gab es gleich zwei Premieren zu feiern: Erstmals fand die Inno-Fiber statt, zugleich moderierte Initiator Julian Thielen erstmals eine Innoform-Veranstaltung. Seit dem 1. Januar 2026 führt er zudem gemeinsam mit Karsten Schröder die Geschäfte der Innoform Coaching GmbH
(Quelle: Innoform)
Mit der neuen Veranstaltungsreihe „Inno-Fiber“ hat die Innoform Coaching GmbH in Osnabrück einen überzeugenden Auftakt hingelegt. Unter dem Leitthema „Funktionelle Papiere für Verpackungsanwendungen“ diskutierten am 15. und 16. April 2026 Fachleute aus Industrie, Entwicklung und Forschung über die Chancen und Herausforderungen faserbasierter Verpackungsmaterialien. Der zweite Veranstaltungstag fand praxisnah in der Papierfabrik von Felix Schoeller statt.
Die Tagung machte schnell deutlich: Die Verpackungsbranche steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Funktionelle Verpackungspapiere gewinnen spürbar an Bedeutung und entwickeln sich zu einem zentralen Innovationstreiber. Gleichzeitig zeigte sich aber ebenso klar, dass die viel zitierte Paperisation nur dann erfolgreich sein wird, wenn technische, regulatorische und wirtschaftliche Hürden realistisch adressiert werden.
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Durch das Programm führte Julian Thielen, der eine ausgewogene Mischung aus Fachinformation, Praxisbezug und Diskussion ermöglichte.
Paperisation gewinnt an Fahrt – doch Zielkonflikte bleiben
Zum Auftakt ordnete Matthias Giebel (Berndt+Partner Consultants) die aktuelle Marktentwicklung ein. Der verstärkte Einsatz von Papier bei flexiblen Verpackungen werde vor allem durch regulatorische Vorgaben der EU wie Green Deal und PPWR vorangetrieben. Freiwillige Initiativen hätten sich in der Vergangenheit oft als zu schwach erwiesen.
Verbesserte Barriereeigenschaften machten Papier heute für deutlich mehr Anwendungen interessant. Gleichzeitig stehe die Kunststoffbranche durch knappe Rezyklatmengen und wirtschaftliche Unsicherheiten unter Druck. Giebels Fazit war ebenso treffend wie realistisch: Paperisation ist ein wachsender Trend – aber eine anspruchsvolle Transformation. Entscheidend seien Lösungen für Zielkonflikte wie Barriereleistung versus Recyclingfähigkeit sowie Defizite bei Sortierung und Infrastruktur.
Nachhaltigkeit braucht mehr als gute Optik
Eleonore Eisath (M.I.L.K. GmbH) beleuchtete den Trend zu faserbasierten Verpackungen aus Sicht von Konsumenten und Marken. Papier werde häufig automatisch als nachhaltiger wahrgenommen – doch diese Gleichung greife zu kurz.
Konsumenten entscheiden oft intuitiv. Convenience, Funktion und Preis rangieren nicht selten vor Nachhaltigkeit. Marken bewegen sich damit im Spannungsfeld zwischen Recyclinganforderungen, technischer Machbarkeit und dem Wunsch nach natürlicher Gestaltung. Ihre klare Botschaft: Papier sollte dort eingesetzt werden, wo es funktional sinnvoll und glaubwürdig ist.
Beispiel für ein gelungenes Design for Recycling und Design for Selling (Quelle: M.I.L.K. GmbH)
Recyclingfähigkeit bleibt die zentrale Bewährungsprobe
Einen besonders wichtigen Akzent setzte Dr. Arne Krolle (PROPAKMA GmbH). Er zeigte, dass papierbasierte Verbundverpackungen im Altpapierkreislauf neue Herausforderungen verursachen. Barrieren, biobasierte Kunststoffe und Lebensmittelreste erhöhen die Störstoffbelastung und erschweren etablierte Prozesse in Papierproduktion und -verarbeitung.
Gefordert seien klare Definitionen von Belastungen, harmonisierte Messmethoden – etwa bei PFAS oder Keimbelastung – sowie eine praxisnahe Umsetzung der PPWR-Vorgaben. Seine Kernaussage: Design for Recycling muss industriell funktionieren – nicht nur auf dem Papier.
Barrierepapiere holen technologisch auf
Dass funktionelle Verpackungspapiere technologisch erhebliche Fortschritte machen, zeigten mehrere Beiträge eindrucksvoll.
Dr. Tiemo Arndt (Reflex GmbH & Co. KG) präsentierte verdichtete Transparentpapiere als leistungsfähige, unbeschichtete und plastikfreie Barriere für Lebensmittelverpackungen. Sie schützen vor Sauerstoff, Aromen, Mineralölen und Fetten und punkten zugleich mit biologischer Abbaubarkeit sowie guter Recyclingfähigkeit. Entwicklungsfelder bleiben Wasserdampfsperre und Heißsiegelfähigkeit.
Alexander Schroeder (Sappi Alfeld GmbH) verdeutlichte das Potenzial gezielt abgestimmter Barrierepapiere als nachhaltige Alternative zu Kunststoffverpackungen. Gleichzeitig warnte er vor zu einfachen Bewertungen: Nachhaltigkeit umfasse auch Ressourcenverbrauch, CO₂-Emissionen sowie Energie-, Wasser- und Flächenbedarf. Bessere Recyclingfähigkeit allein bedeutet nicht automatisch die bessere Gesamtbilanz.
Dr. Flore Mees (Siegwerk Druckfarben AG & Co. KGaA) stellte mit CIRKIT neue Barrierebeschichtungen vor, die Multimateriallösungen durch kreislauffähige Mono-Papierkonzepte ersetzen sollen. Entscheidend seien dabei die richtige Kombination aus Coating, Papierqualität und Auftragsverfahren.
Struktureller Aufbau von Barrierebeschichtungen für Sauerstoffbarriere auf Papier (Quelle Siegwerk Druckfarben AG & Co. KGaA)
Maschinen- und Verfahrenstechnik wird zum Erfolgsfaktor
Mehrfach wurde deutlich, dass neue Materialien nur mit passenden Prozessen erfolgreich sein können.
Christian Werner (Kroenert GmbH & Co. KG) präsentierte innovative Beschichtungslösungen für faserbasierte Verpackungen, die bereits bei minimalem Auftragsgewicht hohe Funktionalität ermöglichen. Das Spektrum der Barriereeigenschaften reicht von Fett- und Ölbeständigkeit über Feuchte- und Sauerstoffschutz bis hin zu Kälte-, Chemikalien- und UV-Beständigkeit. Zum Einsatz kommen je nach Anforderung unterschiedliche Auftragstechnologien, etwa Rasterwalzen- oder Vorhangbeschichtungsverfahren. Sie ermöglichen maßgeschneiderte Lösungen mit sehr dünnen funktionellen Polymerschichten oder ultradünnen anorganischen Barriereschichten – auch im Mehrlagenaufbau. Im Kroenert Technology Center stehen hierfür verschiedene Technologien für Tests, Entwicklungsarbeiten und Prozessoptimierungen zur Verfügung. Geschlossene Regelkreise sorgen für eine präzise Steuerung des Auftragsgewichts und reduzieren zugleich den Energieverbrauch. Innovative Anlagenkonzepte wie die simultane doppelseitige Beschichtung tragen darüber hinaus dazu bei, Kosten und CO₂-Emissionen deutlich zu senken.
Rasterwalzen- und Vorhangbeschichtung weisen unterschiedliche Auftragsgewicht- und Prozessgeschwindigkeits-Fenster auf (Quelle: Kroenert GmbH & Co KG)
Robin Huesmann (LEIPA Georg Leinfelder GmbH) zeigte auf, dass papierbasierte Verbunde insbesondere dann zu nachhaltigen Verpackungslösungen werden, wenn geeignete Anwendungen gezielt ausgewählt und konsequent an den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft ausgerichtet werden. Erfolgreiche Konzepte vereinen Funktionalität, wirtschaftliche Tragfähigkeit und die Anpassung an marktspezifische Recyclinginfrastrukturen. Zu den zentralen Voraussetzungen zählen der Einsatz nachhaltiger Rohstoffe, eine reduzierte Materialkomplexität, recyclinggerechtes Design sowie die konsequente Vermeidung von Kontaminanten. Perspektivisch kann auch die Rückgewinnung von Kunststoffen aus Rejekten – etwa durch trocken- oder nassmechanische Aufbereitung – zur PPWR-Konformität von Papier/PO-Verbunden beitragen. Entsprechende Verfahren befinden sich jedoch noch in der Entwicklung. Darüber hinaus stellte Huesmann eine technische Lösung vor, mit der sich lebensmittelbelastetes Altpapier der Fraktion 5.01 für den Einsatz in Wellpappenrohpapieren aufbereiten lässt. Sein Fazit: Papier kann Kunststoff in klar definierten Anwendungen wirtschaftlich ersetzen – vorausgesetzt, die jeweiligen Konzepte sind technologisch durchdacht und systemisch sinnvoll ausgelegt.
Anna Helgert (Dow) beleuchtete Papierverbunde im Spannungsfeld zwischen Funktionalität und PPWR-Anforderungen. Vorgestellt wurden Entwicklungsansätze sowie industriell erprobte Lösungen auf Basis von Extrusions- und Dispersionsbeschichtungen.
Praxisnaher zweiter Tag bei Felix Schoeller
Guido Hofmeyer, Geschäftsführer Felix Schoeller, begrüßte die Teilnehmenden am zweiten Veranstaltungstag in Osnabrück (Quelle: pack.consult)
Der zweite Veranstaltungstag führte die Teilnehmenden in die Papierfabrik von Felix Schoeller, wo Guido Hofmeyer die Gäste begrüßte. Das traditionsreiche Familienunternehmen aus Osnabrück steht seit Jahrzehnten für Spezialpapierlösungen und baut seine Kompetenz gezielt im Bereich flexibler Verpackungspapiere aus. Ein besonderes Highlight war die Werksbesichtigung, die direkte Einblicke in Produktion, Prozesse und industrielle Umsetzung bot. Andreas Bergmeier stellte Multi-Layer-Curtain-Coating mit bis zu fünf Dispersionsschichten der mehrlagigen Extrusionsbeschichtung gegenüber. Beide Technologien bieten hohe Barrieren gegen Sauerstoff, Fett und Mineralöle bei hohem Papieranteil – mit jeweils spezifischen Vorteilen bei Siegeleigenschaften, Stabilität, Schichtdicke und Prozessgeschwindigkeit.
Verarbeitung entscheidet über Markterfolg
Dass die Umstellung auf Papier weit über die Materialwahl hinausgeht, zeigten weitere Beiträge.
Johannes Werthan (tesa SE) stellte repulpierbare Klebebandlösungen zum Spleißen vor, die Recyclingfähigkeit und Prozessstabilität unterstützen.
Dr. Henry Drut (FormerFab GmbH) erläuterte die Notwendigkeit speziell angepasster Formschultern von Papierbahne in Verpackunsmaschinen. Konventionelle Lösungen aus der Folienverarbeitung führten häufig zu Bahnabrissen, Faltenbildung oder Undichtigkeiten.
Dr. Anina Leipold (ROVEMA GmbH) zeigte die Einflussfaktoren bei der Verarbeitung von Papier auf vertikalen Schlauchbeutelmaschinen. Präzise abgestimmte Formgeometrien und geeignete Siegelsysteme seien hier entscheidend.
Herbert Hahnenkamp (SACMI Packaging & Chocolate Swiss SA) sprach über strukturierte Formatentwicklungsprozesse bei der Umstellung auf faserbasierte Verpackungen – von der Materialanalyse bis zur finalen Abnahme.
Neue Fasern und wirtschaftliche Anreize
Thomas Strieder (OutNature GmbH) präsentierte Stroh als alternative Faserquelle für Papier- und Verpackungslösungen. Angesichts steigender Nachfrage könne der heimische Agrarreststoff eine skalierbare Ergänzung darstellen. Gemeinsam mit LEIPA ist für Anfang 2027 eine Neuentwicklung geplant.
Dominik Lichtenthäler (Interzero Circular Solutions Germany GmbH) erläuterte die Struktur europäischer EPR- und RPR-Gebühren. In vielen Ländern seien Papierverpackungen lizenzkostenseitig attraktiver als Kunststoff- oder Verbundlösungen. Das verstärke die Paperisation zusätzlich.
Fazit: Viel Potenzial – aber nur mit Substanz
Zum Abschluss fasste Julian Thielen die Ergebnisse prägnant zusammen. Die Fachtagung zeigte kompakt und überzeugend, welches Potenzial funktionelle Verpackungspapiere als nachhaltige Verpackungslösungen besitzen.
Gleichzeitig wurde deutlich: Papier ersetzt Kunststoff nicht automatisch, sondern nur dort, wo Performance, Kreislauffähigkeit und Wirtschaftlichkeit zusammenpassen. Genau diese nüchterne und praxisnahe Sichtweise machte den Auftakt der Inno-Fiber so wertvoll.
Mit dem gelungenen Start hat Innoform eine Plattform geschaffen, die den Transformationsprozess der Branche konstruktiv begleitet. Vieles spricht dafür, dass sich die Inno-Fiber rasch als fester Termin im Branchenkalender etablieren wird.