Expanded Color Gamut im Flexodruck, KI in der Auftragsabwicklung, Web-to-Print und recyclingfähige Materialien: Der European Printing Summit (EPS) griff zentrale Fragen der Verpackungs- und Etikettenproduktion auf. Knapp 300 Besucherinnen und Besucher kamen am 29. und 30. September im Signal Iduna Park in Dortmund zusammen. Auf einer eigenen Bühne trafen die Anforderungen von Markenartiklern auf Erfahrungen aus Druckereien und Perspektiven aus Forschung und Zulieferindustrie.
Der Verpackungsdruck muss unterschiedliche Anforderungen zusammenführen: Verpackungen sollen Produkte schützen, Marken eindeutig erkennbar machen und sich wirtschaftlich produzieren lassen. Zugleich entstehen neue Möglichkeiten durch digitale Bestellprozesse, variable Druckdaten und zusätzliche Verpackungsfunktionen. Wie Unternehmen diese Aufgaben angehen, war Gegenstand des European Printing Summit 2026.
Die Veranstalter Deutscher Drucker, print.de, Grafische Palette, VerpackungsDruck & Converting und Etiketten-Labels setzten erstmals auf zwei parallele Bühnen. Während sich ein Programm dem Publikationsdruck widmete, erhielt der Verpackungs- und Etikettendruck ein eigenes Forum. Carolin Wacker, Chefredakteurin von Etiketten-Labels, moderierte diese Session und führte durch die Vorträge und Gespräche. Die gemeinsame Ausstellung, der Showroom, die Masterclasses sowie die Kaffee- und Mittagspausen verbanden beide Programme. Insgesamt beteiligten sich 20 Partner an der Veranstaltung.
Impressionen vom European Printing Summit 2026 (Quelle:Event Wave / European Printing Summit 2026)
Verpackungsmärkte und die Perspektive der Auftraggeber
Lee Metters von Smithers lieferte aktuelle Marktdaten zum europäischen Verpackungsmarkt. Sein Beitrag bildete den Rahmen für die anschließenden Praxisberichte: Neben der Frage, wie sich der Markt entwickelt, ging es darum, welche Anforderungen Auftraggeber stellen und mit welchen Geschäftsmodellen Druckunternehmen darauf reagieren.
Die Perspektive eines Markenartiklers brachten Stephan Richter und Niklas Michel von Coppenrath & Wiese ein. Sie schilderten, was das Unternehmen von Expanded Color Gamut im Flexodruck erwartet. Damit rückte ein produktionstechnisches Thema aus Sicht des Verpackungskunden in den Mittelpunkt.
Für das Fachpublikum war dieser Blick besonders relevant: Entscheidungen über Druckverfahren und Farbkonzepte müssen sich an den Erwartungen der Auftraggeber messen lassen. Der Beitrag stellte damit die Verbindung zwischen der technischen Ausgestaltung des Flexodrucks und den Anforderungen auf Markenseite her.
Schachtel24.de als Vertriebskanal und Trendbarometer
Jan Hendrik Walfort und Norbert Krandick vom Mediahaus Ahaus stellten ihr breit gefächertes Geschäftsmodell vor. Eine besondere Rolle übernimmt darin das Portal Schachtel24.de, das sie zugleich als „Vertriebsmitarbeiter“ und Trendbarometer beschrieben.
Diese doppelte Funktion erweitert den Blick auf Web-to-Print. Ein Portal schafft einen digitalen Zugang zum Angebot einer Druckerei. Darüber hinaus können die dort sichtbaren Kundeninteressen Hinweise darauf geben, welche Produkte gefragt sind und wie sich die Nachfrage verändert. Der Onlinevertrieb wird damit auch zu einem Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung des Angebots.
Das Beispiel aus Ahaus verband die Vorstellung eines Unternehmens mit einer grundsätzlichen Frage für Verpackungsproduzenten: Wie lässt sich der digitale Kundenkontakt in das Geschäftsmodell einbinden? Im Mittelpunkt stand dabei die Rolle des Portals innerhalb des gesamten Unternehmens.
KI in der Auftragsabwicklung
Welche Größenordnung Veränderungen durch KI erreichen können, berichtete Stefan Mail von Mail Druck + Medien, Gewinner eines Druck&Medien Awards. „Wir konnten mit KI unser Auftragsvolumen mit der gleichen Anzahl von Beschäftigten verzehnfachen“, sagte er.
Die Aussage lenkte den Blick auf die organisatorischen Abläufe rund um die Produktion. Für die Leistungsfähigkeit einer Druckerei ist entscheidend, wie viele Aufträge sie mit den verfügbaren personellen Ressourcen bearbeiten kann. Der Erfahrungsbericht von Mail machte deutlich, welche Bedeutung KI für diese Aufgaben nach seiner Darstellung bereits hat.
Dabei bezog sich die genannte Verzehnfachung auf das Auftragsvolumen. Sie ist als konkrete Unternehmenserfahrung einzuordnen und erlaubt keine pauschale Aussage über Produktivitätssteigerungen in anderen Betrieben. Gerade diese Praxisperspektive machte den Beitrag jedoch für Unternehmen interessant, die ihre eigene Auftragsbearbeitung überprüfen.
Vom Imker-Angebot zum digitalen Verpackungsdruck
Ingo Retzmann von Xerox Team Jansen schilderte, wie ein Web-to-Print-Angebot für 134.000 Imker sein Unternehmen zum digitalen Verpackungsdruck führte. Der Einstieg entstand damit aus einem Angebot für eine klar umrissene Zielgruppe.
Das Beispiel zeigte einen Weg zur Entwicklung neuer Geschäftsfelder: Ein spezialisierter Kundenkreis und dessen Bedarf können den Ausgangspunkt bilden, um das Produktionsangebot zu erweitern. Für Verpackungs- und Etikettendrucker ist dabei insbesondere die Verbindung zwischen digitalem Vertrieb und digitaler Fertigung von Interesse.
Mit einem Henkel-Projekt brachte Retzmann außerdem eine Anwendung mit variablen Etikettendaten ein. Dadurch erhielt der Beitrag eine zweite Perspektive: Neben dem Zugang zu einer bestimmten Kundengruppe ging es um die Verarbeitung wechselnder Inhalte innerhalb eines Etikettenprojekts. Beide Beispiele verdeutlichten, wie eng Geschäftsmodell, Daten und Druckproduktion miteinander verbunden sind.
Personalisierung am konkreten Produkt
Florian Meier von flomei.de machte das Thema Personalisierung an einer Maggi-Flasche mit individuellem Namen anschaulich. Der Preis des vorgestellten Produkts betrug sieben Euro.
Das Beispiel brachte die Diskussion unmittelbar an das Produkt im Handel. Personalisierung wird hier auf einer vertrauten Markenverpackung sichtbar; die individuelle Gestaltung ist Teil des angebotenen Produkts. Der genannte Preis ergänzte die gestalterische und technische Perspektive um einen konkreten wirtschaftlichen Bezug.
Für Verpackungsdrucker wirft eine solche Anwendung die Frage auf, wie sich individualisierte Inhalte in die eigene Leistung integrieren lassen. Der Beitrag zeigte dafür ein greifbares Produktbeispiel. Eine Aussage über dessen Absatz oder die Wirtschaftlichkeit der Herstellung lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.
Recyclingfähigkeit und Schutzfunktion
Die Materialseite beleuchteten Mark und Sebastian-Philip Bracht von Digikett. Vater und Sohn sprachen über recycelfähige, silikonisierte Papierlösungen für Etiketten. Ihr Beitrag richtete den Blick auf einen Bereich, in dem die Eigenschaften des Materials sowohl für die Anwendung als auch für die spätere Verwertung relevant sind.
Prof. Dr. Volker Jansen von der Hochschule der Medien Stuttgart behandelte anschließend die Herausforderungen von Verbundfolien aus dem Supermarkt. Er erläuterte, warum diese Lebensmittel zuverlässig schützen, sich aber kaum recyceln lassen.
Damit standen zwei unterschiedliche Materialthemen im Programm: Papierlösungen für Etiketten und Folienverbunde für Lebensmittelverpackungen. Gemeinsam war ihnen die Frage, wie sich funktionale Anforderungen und Recyclingfähigkeit zusammenbringen lassen. Gerade bei Lebensmittelverpackungen bleibt die Schutzfunktion ein entscheidender Maßstab. Jansens Beitrag verdeutlichte, weshalb die Betrachtung der Recyclingfähigkeit die Anforderungen während der Nutzung einbeziehen muss.
Gedruckte Elektronik als zusätzliche Verpackungsfunktion
Wolfgang Mildner von MSWtech eröffnete mit gedruckter Elektronik eine weitere Perspektive. Er sieht darin eine Chance für autonome Verpackungen. Im Automobilbau sei die Technik bereits etabliert, während im Verpackungsbereich noch viel Potenzial liege.
Der Beitrag erweiterte die Diskussion über die Aufgaben einer Verpackung. Neben Produktschutz, Gestaltung und Kennzeichnung rückte die Möglichkeit zusätzlicher elektronischer Funktionen in den Blick. Mildners Einschätzung verband dabei Erfahrungen aus einem anderen Industriezweig mit möglichen Anwendungen im Verpackungsmarkt.
Für Druckunternehmen ergibt sich daraus die Frage, welche Rolle sie bei solchen Anwendungen übernehmen können. Im Vortrag stand zunächst die technologische Perspektive im Vordergrund: Gedruckte Elektronik wurde als ein Feld vorgestellt, dessen Möglichkeiten im Verpackungsbereich nach Mildners Einschätzung noch nicht ausgeschöpft sind.
Die Entwicklung der Labelisten
Zum Abschluss des Verpackungs- und Etikettendruck-Programms zeichnete Frank Plechschmidt den Weg der Labelisten aus Bayern nach. Locker und humorvoll schilderte er die Entwicklung des Unternehmens, das heute unter anderem mit drei HP-Digitaldruckmaschinen produziert.
Nach Beiträgen über Marktanforderungen, Datenverarbeitung und Materialfragen stand damit noch einmal die Entwicklung eines Druckbetriebs im Mittelpunkt. Der Bericht ergänzte das Programm um die unternehmerische Perspektive: Wie ein Unternehmen seinen Weg gestaltet und welche Rolle der Digitaldruck dabei einnimmt, wurde anhand einer konkreten Betriebsgeschichte sichtbar.
Automatisierung muss sich wirtschaftlich bewähren
Auch die parallele Publikationsdruck-Bühne bot Themen mit Bezug zur Verpackungsproduktion. Bernhard Niemela eröffnete das Programm mit einer Keynote zur Lage der Druckindustrie. Robotisierung und KI-gestützte Ressourcenplanung rücken nach seiner Einschätzung als Investitionsfelder nach vorn. Zugleich verwies er darauf, dass die Öffentlichkeit Druck weiterhin überwiegend mit Zeitungen, Zeitschriften und Büchern verbindet. Daraus leitete er Handlungsbedarf für das Branchenmarketing ab.
Christian Herr von Dataline und Raul Heininger von The Postpress Alliance diskutierten mit Niemela konkrete Anwendungen von KI in der Software und Automatisierung in der Weiterverarbeitung. Ihr Maßstab war der Return on Investment. Damit behandelten sie eine Frage, die auch Verpackungsdrucker und Converter bei Investitionen beschäftigt: Welchen wirtschaftlichen Beitrag leistet eine neue Lösung im betrieblichen Alltag?
Mark und Vinzenz Schmidt von MailingLiebe by Wirtz Druck demonstrierten einen KI-Agenten, der live per WhatsApp innerhalb weniger Minuten Mockups und Angebote für Mailingkampagnen erstellte. Das Beispiel machte die Geschwindigkeit einer solchen Anwendung unmittelbar sichtbar und ergänzte die Diskussion über KI um eine praktische Vorführung.
Zum Länderfokus Benelux sprach Ed Boogaard von De Grafische Vakpers. Nach seinem Befund schreitet die Konsolidierung dort deutlich schneller voran als in Deutschland. Weitere Beiträge behandelten unter anderem Hyperpersonalisierung in der Buchproduktion, komplexe Großformatprojekte, KI im Druckauftrag und Unternehmensnachfolge.
Masterclasses, Showroom und persönliche Gespräche
Die Masterclasses vertieften Themen aus den Bühnenprogrammen. Beteiligt waren unter anderem Dataline, Kyocera, CloudLab, Obility, Digikett, Hybrid Software, Xerox Team Jansen sowie TCL-Solutions gemeinsam mit IPM Müller & Resing. Im Showroom zeigten Finalisten und Gewinner der Druck&Medien Awards ihre Printprodukte. Die Partner präsentierten sich in der begleitenden Ausstellung.
Gelegenheit zum persönlichen Austausch gab es bereits am Vorabend. Beim Kollegenabend „Print & Connect“ führte eine Stadiontour durch die Spielerkabine und den Spielertunnel bis an den Rasen. Anschließend kamen die Teilnehmenden bei Essen und Getränken ins Gespräch. Publikationsdrucker trafen auf Verpackungs- und Etikettendrucker, Druckereichefs auf Printbuyer. Mehrere Teilnehmer berichteten in den sozialen Medien von neuen Kontakten und zahlreichen Gesprächen.
Der EPS verband damit ein stärker auf die einzelnen Sparten zugeschnittenes Fachprogramm mit gemeinsamen Begegnungen. Für den Verpackungsdruck reichte das Themenspektrum von den Erwartungen eines Markenartiklers über digitale Vertriebs- und Produktionsmodelle bis zu Materialfragen und gedruckter Elektronik. Bernhard Niemela kündigte bereits eine weitere Ausgabe für 2027 an.